CommémorationUncategorized

« Es musste einer sterben, damit wir auf den Hof kamen »

Die hundert Jahre alte Uniform des Infanteristen Valentin Osterried steht für einen jungen Mann, der früh gefallen ist. Und für das unerwartete Glück einer Bauernfamilie.

Von Christian Sebald, Enzenstetten
Ein tiefes Blau und ein kräftiges Rot, das sind die Farben, welche die Infanteristen der Königlich Bayerischen Armee Anfang des 20. Jahrhunderts getragen haben. Rock, Hose und Schirmmütze waren aus gewalktem Wollstoff. Am Rock prangten auf der Knopfleiste acht Knöpfe aus golden glänzendem Metallblech. Die Vorderseite der Mütze zierten zwei Rosetten, die eine in Gold und Blau, die andere in den Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot. Am Gürtel aus schwarz gegerbtem Rindsleder war eine silberfarbene Plakette mit der Inschrift « In Treue fest » und einem Lorbeerkranz auf dem Schloss angebracht. Das Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg wird eine solche Infanteristen-Uniform ausstellen – in der Abteilung über den Ersten Weltkrieg. Sie ist eine Dauerleihgabe der Familie Rietzler aus Enzenstetten im Ostallgäu.

Die Uniform ist zu allererst Symbol des Leidens und Sterbens der einfachen Soldaten im Gemetzel des Ersten Weltkriegs – der aus dem Königreich Bayern ebenso wie der aus den anderen Staaten. Sie gehörte Valentin Osterried, einem Jungbauern, wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts Zigtausende in Bayern gab. Osterried, der gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs fiel, wurde am 6. Dezember 1891 auf dem Lippler-Hof in Enzenstetten geboren, den heute die Familie Rietzler bewirtschaftet. Er war der einzige Sohn und damit « die hoffende Stütze seiner alternden Eltern ». So steht es in dem Trauerbuch für die Enzenstettner Opfer des Ersten Weltkriegs, das der dortige Volksschullehrer Pius Boeck (1884 bis 1961) nach 1918 verfasst hat.

Im Oktober 1913 wurde Osterried zum Militärdienst beim Königlich Bayerischen 17. Infanterieregiment « Orff » eingezogen. Die Einheit war im damals bayerischen Germersheim am Rhein stationiert. Aus der Zeit stammt Osterrieds blau-rote Uniform. Sie hat sich erhalten, weil er – wie alle bayerischen Soldaten, deren Militärdienst in den Ersten Weltkrieg hineinreichte – eine feldgraue Montur erst erhielt, als er in den Kampf zog. Als Valentin Osterried fiel, hing seine schmucke blau-rote Uniform in seinem Spind in der Kaserne in Germersheim. Später wurde sie der Familie geschickt. Wie die meisten jungen Männer vom Land, die 1914 ihren Militärdienst ableisteten, hatte Osterried mit dem Ersten Weltkrieg wohl nicht viel im Sinn. Doch « still und unverdrossen beugte er sich seinem Schicksal », schreibt Boeck.

Wenige Tage nach Kriegsbeginn am 28. Juli 1914 verließen Osterried und seine Einheit Germersheim in Richtung Frankreich. « Nur selten erfuhr die von ihm so heiß geliebte Heimat von seinem Verbleib im Felde », schreibt Boeck, « die Angehörigen waren in größter Besorgnis. » Am 22. August 1914 überschritt das Regiment die Grenze zum französischen Lothringen und lieferte sich sofort blutige Gefechte mit französischen Truppen. Am 25. August 1914 ist Valentin Osterried gefallen. « Bei Remenoville durch einen Brustschuss schwer verwundet, starb er auf dem Transport ins Lager », heißt es bei Boeck lapidar.

Für seine Familie war Osterrieds Kriegstod eine Katastrophe. Nicht nur wegen der « tiefen Trauer um den gefallenen Sohn und Bruder » (Boeck), die nun in sie einzog. Sondern weil alle ihre Zukunftspläne jäh über den Haufen geworfen wurden. Osterrieds Eltern waren gut in den Sechzigern, seine Schwestern Josefa und Mathilde beide an die Dreißig und unverheiratet. Der Jungbauer hätte den Hof übernehmen und zumindest für die alten Eltern sorgen sollen. So wie das üblich war im damaligen Königreich Bayern. Nun mussten Josefa und Mathilde – mit einem Knecht – die Landwirtschaft fortführen. Sie taten das mehr schlecht als recht. Das Lippler-Anwesen verkam. Vor allem der Knecht soll zuletzt sehr verschroben gewesen sein.

Außergewöhnlich an Valentin Osterrieds Uniform ist, dass sie mehr als hundert Jahre original und nahezu unversehrt erhalten geblieben ist. Das ist das Verdienst der Familie Rietzler. « Als Kind bin ich oft zum Spielen rauf in den Speicher », sagt Hans Rietzler, 56, gelernter Schreiner und heute Bauer auf dem längst modernisierten Lippler-Hof. « Da hing sie, in einem alten Schrank, und hatte eine seltsame Anziehungskraft. » Hans Rietzlers Vater Karl hat den Hof 1956 gegen eine Leibrente von Osterrieds Schwestern übernommen. Er war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Hütebub auf den Lippler-Hof gekommen und einer der wenigen in Enzenstetten, die mit den Frauen zurechtkamen.

Wie die Geschichte von Valentin Osterrieds aufgearbeitet wurde

Die Uniform hat Hans Rietzler sein Leben lang begleitet. « Erst war sie ein Spielzeug, als Kind hab ich sie öfter mal angezogen », sagt er in kehligem Allgäuerisch. « Später hab ich immer wieder gefragt, was es mit ihr auf sich hat und was der Valentin für einer war. » So richtig raus wollte aber keiner damit, Osterrieds Schwestern nicht und auch Hans Rietzlers Eltern nicht. « Nur dass der Valentin im Krieg war und gefallen ist, viel mehr haben sie nicht gesagt. »

Erst Rietzlers Frau Resi und sein heute 27 Jahre alter Sohn Matthias haben Osterrieds Schicksal minutiös aufgeklärt. Matthias Rietzler sollte als 13-jähriger Mittelschüler ein Referat halten, auf Anraten seiner Mutter wählte der Bub die Uniform als Thema. « Das Referat hat uns einen ganzen Winter beschäftigt », sagt Resi Rietzler, die Hauswirtschaftslehrerin ist. « Wir haben Chroniken gewälzt, im Gemeindearchiv recherchiert, die Kriegsgräberfürsorge kontaktiert und natürlich im Internet geforscht. » Auch daheim wurden sie fündig. Sie haben Osterrieds wohl einzigen Brief nach Hause entdeckt, Gedenkblätter und Foto- und Postkartenalben. Am Ende hat Matthias Rietzler in der Schule nicht nur seinen Vortrag gehalten, sondern dort auch ein 14-seitiges Manuskript mit Bildern, Skizzen und Faksimiles präsentiert.

Und was bedeutet Valentin Osterrieds Uniform heute für die Familie? Hans Rietzler zögert kurz, dann bricht es etwas holprig aus ihm heraus: « Es musste einer sterben, damit wir auf den Hof kamen », sagt er. « Du musstest sterben, darum sind wir jetzt da: Das ist es, was die Uniform uns sagt. » Natürlich hat Familie Rietzler auch Osterrieds Grab besucht. Es befindet sich auf dem Soldatenfriedhof in Gerbéviller. Der Ort im Département Meurthe-et-Moselle liegt nahe der einstigen Grenze zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich, er war 1914 heftig umkämpft. Auf dem Soldatenfriedhof sind 2164 französische und 5462 deutsche Gefallene bestattet – die meisten in einem Gemeinschaftsgrab. Valentin Osterried hat ein Einzelgrab.

Das Exponat wurde dem Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg zur Verfügung gestellt, das im Mai 2019 eröffnen soll. Näheres dazu unter www.hdbg.de

Leave a Reply